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Wenn der Bildungsweg schon bei der Einschulung ungleich beginnt
Schulanfänger sitzen in Leipzig auf einem Schulhof. Foto: dpa

Wenn der Bildungsweg schon bei der Einschulung ungleich beginnt

Rund 800.000 Kinder werden in Deutschland eingeschult. Doch sie starten mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Bildungsgerechtigkeit darf nicht vom Elternhaus abhängen.

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Von Ercan Karakoyun26. August 2026
3 Min. Lesezeit
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Knapp 60.000 Kinder haben in diesen Tagen allein in Berlin und Brandenburg ihre Schullaufbahn begonnen: 35.550 in Berlin und knapp 24.000 in Brandenburg. Bundesweit werden Jahr für Jahr rund 800.000 Kinder eingeschult.

Für jedes dieser Kinder ist die Einschulung ein besonderer Moment: die erste Schultüte, der neue Ranzen, ein Klassenraum voller unbekannter Gesichter – und vor allem unendlich viele Hoffnungen.

Doch so ähnlich die Einschulungsfotos aussehen mögen: Die Kinder starten nicht unter den gleichen Bedingungen.

Migrationshintergrund ist kein Bildungsdefizit

15,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind armutsgefährdet. Auf einen Einschulungsjahrgang von rund 800.000 Kindern übertragen, entspricht das einer Größenordnung von mehr als 120.000 Schulanfängerinnen und Schulanfängern.

29 Prozent der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen haben eine Einwanderungsgeschichte. Weitere 12 Prozent haben einen eingewanderten Elternteil. Übertragen auf einen Einschulungsjahrgang sprechen wir über Hunderttausende Kinder.

Diese Zahlen dürfen allerdings nicht einfach zusammengerechnet werden, weil sich die Gruppen überschneiden. Und eines muss ebenso deutlich gesagt werden: Ein Migrationshintergrund ist kein Bildungsdefizit. Herkunft ist keine Diagnose. Mehrsprachigkeit ist keine Schwäche.

Aber wenn eine Einwanderungsgeschichte mit Armut, beengten Wohnverhältnissen, fehlender frühkindlicher Förderung, sprachlichen Barrieren oder Diskriminierung zusammentrifft, werden die Bildungschancen eines Kindes erheblich schlechter.

Nicht weil diese Kinder weniger begabt wären.

Nicht weil sie sich weniger anstrengen würden.

Sondern weil unser Bildungssystem bis heute nicht in der Lage ist, unterschiedliche Startbedingungen ausreichend auszugleichen.

Faire Chancen bedeuten nicht, allen das Gleiche zu geben

PISA 2022 zeigt, wie groß das Problem ist: In Deutschland liegen zwischen sozioökonomisch begünstigten und benachteiligten Jugendlichen 111 Punkte in der Mathematikleistung. Der Abstand ist größer als im OECD-Durchschnitt.

Wir wissen also längst, dass der Bildungserfolg in Deutschland noch immer viel zu stark vom Elternhaus abhängt.

Das eine Kind hat ein eigenes Zimmer, einen gut ausgestatteten Schreibtisch, Bücher, digitale Geräte und Eltern, die bei den Hausaufgaben helfen oder Nachhilfe bezahlen können.

Das andere Kind teilt sich ein Zimmer mit Geschwistern, hat zu Hause keinen ruhigen Arbeitsplatz, übernimmt früh Verantwortung in der Familie oder muss seinen Eltern Briefe und Behördenschreiben übersetzen.

Am Ende schreiben beide dieselbe Klassenarbeit. Und wir nennen das Ergebnis dann „Leistung“.

Das ist keine echte Leistungsgerechtigkeit. Das ist die Fortschreibung ungleicher Ausgangsbedingungen.

Viele Kinder müssen erheblich mehr leisten, um dieselben Ziele wie andere Kinder zu erreichen

Ich möchte nicht sagen, dass Kinder aus benachteiligten Familien oder mit Einwanderungsgeschichte zwangsläufig scheitern werden. Im Gegenteil: Sie besitzen genauso viel Talent, Neugier und Potenzial wie alle anderen Kinder.

Aber viele von ihnen müssen erheblich mehr leisten, um dieselben Ziele zu erreichen.

Jede Begabung, die wir deshalb nicht erkennen, jede Empfehlung, die aufgrund zu niedriger Erwartungen nicht ausgesprochen wird, und jedes Kind, das irgendwann den Glauben an sich selbst verliert, ist ein Stück Zukunft und Hoffnung, das wir ihm nehmen.

Bildungsgerechtigkeit bedeutet deshalb nicht, allen Kindern exakt dasselbe zu geben. Sie bedeutet, jedem Kind das zu geben, was es für einen erfolgreichen Bildungsweg benötigt: frühzeitige und verbindliche Sprachförderung, hochwertige Kitas, ausreichend Lehrkräfte, kleinere Lerngruppen, Schulsozialarbeit, multiprofessionelle Teams und eine gezielte Finanzierung von Schulen nach ihrer sozialen Lage.

Dazu gehören ein guter Ganztag, kostenlose Lernförderung, gesundes Mittagessen sowie Sport-, Kultur- und Freizeitangebote, die nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen.

Gerade Schulen in schwieriger Lage brauchen die besten Bedingungen

Schulen in schwieriger Lage dürfen nicht mit den größten Problemen und den geringsten Möglichkeiten alleinbleiben. Gerade dort brauchen wir die besten Bedingungen.

Als Vater, Soziologe und jemand, der seit vielen Jahren im Bildungsbereich arbeitet, bin ich überzeugt: Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass der Bildungsweg eines Kindes schon am Tag seiner Einschulung statistisch vorgezeichnet ist.

Der Kontostand, der Bildungsabschluss oder der Geburtsort der Eltern dürfen nicht darüber entscheiden, welche Zukunft einem Kind offensteht.

Eine Schultüte darf nicht nur Süßigkeiten enthalten. Sie muss auch ein glaubwürdiges gesellschaftliches Versprechen enthalten:

Wir sehen dich. Wir glauben an dich. Und wir geben dir eine faire Chance.

Daran müssen wir arbeiten – nicht irgendwann, sondern jetzt.


Zum Autor: Der Vorsitzende der Stiftung Dialog und Bildung, Ercan Karakoyun, selbst Vater von vier Kindern, nimmt den Schulstart zum Anlass, auf die ungleichen Bildungschancen in Deutschland aufmerksam zu machen. Er fordert, dass Herkunft, Einkommen und Bildungsabschluss der Eltern nicht länger über die Zukunft eines Kindes entscheiden dürfen.

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