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Extremismus
Ibrahim Arslan: Der Mölln-Überlebende, der nicht mehr Objekt des Gedenkens sein will

Ibrahim Arslan: Der Mölln-Überlebende, der nicht mehr Objekt des Gedenkens sein will

Als Siebenjähriger überlebte Ibrahim Arslan den rassistischen Brandanschlag von Mölln. Heute kämpft er dafür, dass Betroffene rechter Gewalt nicht länger Kulisse deutscher Erinnerungspolitik bleiben.

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14. August 2026
4 Min. Lesezeit
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Als Siebenjähriger überlebte Ibrahim Arslan den rassistischen Brandanschlag von Mölln. Heute kämpft er dafür, dass Betroffene rechter Gewalt nicht länger Kulisse deutscher Erinnerungspolitik bleiben. Seine Botschaft: Reclaim and Remember. Es gibt Menschen, die werden von einem Ereignis geprägt. Und es gibt Menschen, die nehmen dieses Ereignis irgendwann selbst in die Hand, weil sie nicht länger zulassen wollen, dass andere ihre Geschichte verwalten. Ibrahim Arslan gehört zur zweiten Gruppe Als in der Nacht auf den 23. November 1992 zwei Neonazis in Mölln Brandsätze auf Häuser warfen, in denen türkische Familien lebten, war Ibrahim Arslan sieben Jahre alt. Er überlebte, weil seine Großmutter Bahide Arslan ihn in nasse Tücher wickelte und in der brennenden Küche unter dem Küchentisch wartete, bis er gerettet wurde. Seine Großmutter, seine zehnjährige Schwester Yeliz Arslan und seine 14-jährige Cousine Ayşe Yılmaz starben. Nicht durch ein Unglück, nicht durch einen „Brand“, nicht durch eine abstrakte „Tragödie“. Sie wurden ermordet, weil sie als Türken, als Migranten, als Nicht-Dazugehörige markiert wurden. Mölln war ein rassistischer Anschlag. Einer jener Anschläge, die Deutschland bis heute nicht nur erinnern, sondern eigentlich erschüttern müssten. Erschütterung hält in Deutschland nur bis zum nächsten Jahrestag Genau dagegen arbeitet Ibrahim Arslan seit vielen Jahren an. Er geht an Schulen, spricht mit Jugendlichen, hält Vorträge, organisiert Gedenkveranstaltungen, vernetzt Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Er erzählt nicht, weil es ihm leichtfällt. Er erzählt, weil das Schweigen der Betroffenen für viele in der Gesellschaft leichter zu ertragen ist als ihre Geschichten. Und weil Deutschland bei rechter Gewalt ein strukturelles Erinnerungsproblem hat. Dieses Problem beginnt schon mit der Frage, wer sprechen darf. Nach Anschlägen wie Mölln, Solingen, dem NSU-Komplex, Halle oder Hanau treten sehr schnell Behörden, Politiker, Experten, Gedenkredner und Kommentatoren auf. Sie erklären, ordnen ein, kondolieren, mahnen. Betroffene kommen auch vor, aber viel zu oft als Symbolfiguren. Als trauernde Angehörige. Als stille Opfer. Als Gesichter auf Plakaten. Als Menschen, denen man Blumen überreicht und deren Schmerz man für einen Moment sichtbar macht, bevor der Betrieb wieder weiterläuft. Arslan akzeptiert diesen Ablauf nicht Sein Ansatz heißt „Reclaim and Remember“: Zurückholen und erinnern. Es ist mehr als ein Slogan. Es ist eine politische Praxis. Die Erinnerung soll nicht länger von oben organisiert und den Betroffenen anschließend zugemutet werden. Die Betroffenen selbst sollen bestimmen, wie erinnert wird, worüber gesprochen wird und welche Konsequenzen sich aus der Erinnerung ergeben. Denn Erinnerung ohne Konsequenz ist Folklore. In Mölln zeigt sich das besonders deutlich. Jährlich gibt es offizielle Gedenkveranstaltungen. Es werden Reden gehalten, Kränze niedergelegt, Worte gefunden, die niemand falsch finden kann. Aber Ibrahim Arslan kritisiert seit Jahren, dass bei solchen Formen des Gedenkens die Perspektive der Überlebenden und Angehörigen zu wenig im Mittelpunkt steht. Wer wirklich erinnern wolle, müsse den Überlebenden zuhören. Nicht nur am Jahrestag. Nicht nur für Pressefotos. Nicht nur dann, wenn sie versöhnliche Sätze sagen. Die Betroffenen sind keine Statisten deutscher Betroffenheit Diese Erkenntnis wurde mit dem Dokumentarfilm „Die Möllner Briefe“ noch einmal in eine größere Öffentlichkeit getragen. Der Film von Martina Priessner erzählt von einer zweiten Verletzung, die Jahrzehnte nach dem Anschlag sichtbar wurde: Nach Mölln schrieben Hunderte Menschen Solidaritätsbriefe an die Familien. Briefe, Karten, Zeichnungen, Worte des Mitgefühls. Doch diese Briefe erreichten die Überlebenden und Angehörigen über viele Jahre, nein Jahrzehnte nicht. Sie lagen im Stadtarchiv. Man muss dafür nicht einmal böse Absicht unterstellen, um das Problem zu erkennen. Auch institutionelle Gleichgültigkeit kann verletzen. Auch verwaltete Anteilnahme kann ein Unrecht sein. Auch ein Archiv kann zu einem Ort werden, an dem Solidarität verstaubt, verschwindet. Für die Familien bedeutete das: In einer Zeit, in der sie alles verloren hatten, erfuhren sie nicht einmal von all den Menschen, die ihnen Trost spenden wollten. Die Gesellschaft hatte geschrieben. Die Verwaltung hatte abgelegt. Die Betroffenen blieben allein. Das ist der eigentliche Skandal der Möllner Briefe Der Film macht schmerzhaft sichtbar, was deutsche Erinnerungspolitik oft verdrängt: Es geht nicht nur um die Tat. Es geht um das Danach. Um Behörden, die Betroffene nicht ernst nehmen. Um Gesellschaften, die schnell wieder Normalität wollen. Um Archive, Akten, Zuständigkeiten und Gedenkrituale, die den Schmerz der Betroffenen nicht heilen, sondern manchmal fortsetzen. Dass „Die Möllner Briefe“ auf der Berlinale gefeiert wurde, Preise erhielt und im Kino lief, zeigt immerhin: Diese Perspektive findet ein Publikum. Aber zugleich bleib

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